Off the record
And if some of you may think I am arrogant, ungrateful or a freaking bitch.
Walk through fucking depression yourself. And then judge again.
Willkommen zwischen den Zeilen.
And if some of you may think I am arrogant, ungrateful or a freaking bitch.
Walk through fucking depression yourself. And then judge again.
Wie lange es nun gedauert hat, bis ich die folgenden Worte hier schreiben kann, ist schwer zu sagen. Ich weiß nicht mehr wann es angefangen hat. Soll ich vom Moment der Diagnose an rechnen? Von der ersten Tablette an? Vom Tag an der Einweisung ins Irrenhaus? Es gibt viele Startlinien. Aber es gibt nur eine Ziellinie, und die habe ich heute übertreten. Es ist vorbei. Auch wenn es vielleicht wiederkommt, in Schleierform, in Nuancen, es ist vorbei. Jetzt in diesem Moment sage ich das, worauf ich über zwei Jahre lang gewartet habe. Es ist gut. Die Kranke gibt es nicht mehr.
Es gibt nun die, die anfangen muss, den Schutt vom Schlachtfeld zu räumen, die Leichen in ihre Gräber tragen muss, sie beerdigen und ruhen lassen. Die, die anfangen muss, etwas anzupflanzen. Irgendwas.
Die vergangenen Jahre sind vorbei. Es folgen die neuen. So viele Dinge und Ereignisse fühlen sich an, als wären sie nie gewesen, so viele Menschen kommen mir fremd vor, ich vermisse keinen. Ich weine niemandem eine Träne nach, keinem Arzt, Therapeutin, keinem Mann. Alle die kamen, gingen wieder. Ich könnte wohl nicht glücklicher darüber sein. Nur die Fellfreudin. Die bleibt. Und erinnert mich daran, dass da etwas gewesen sein muss. Ein Schatten. Eine Platzwunde. Wir haben sie zugenäht. Und in ein paar Monaten wird auch die rosa Naht verblassen. Und in ein paar Jahren, wird sie vergessen sein.
Oh, wie sehr ich das Vergessen liebe.
Wenn alle sagen, es mache keine Sinn, an etwas festzuhalten, was man auch gut loslassen könnte, möchte ich nur antworten: Was, wenn man an einer Liane hängt?
Die Zeit allein heilt scheinbar gar nicht, nein, ohne Loslassen gibt es kein Vorwärts, auch kein Rückwärst (denn da steht schon eine Mauer aus Beton), keine Möglichkeit sich zu bewegen. Aber lässt man einmal los, was dann? Liebe Psychologen, ich bewundere euren Stand, jedoch habt ihr leider nicht auf alles eine Antwort. Jedes Leben hat Lianen, und bevor man sich nicht an die nächste klammern kann, verweile man lieber im Affengriff. Weil, auch wenn wir uns gerne davon distanzieren: Wir können fallen, abstürzen und uns ganz schön den Schädel aufschlagen, wenn wir nicht aufpassen. Die Wahrheit über den Untergang will nur niemand hören. Und wenn wir einmal alle Netze durchschlagen haben, hat das Resultat mit Schönheit und Glückseligkeit nichts mehr zu tun.
Loslassen sei also gut geprüft, zeitlich abgewogen und gezielt durchgeführt. Wir sollten nur springen, wenn wir auch wissen, wo wir landen werden!
A hoibfudigs Wetta ist eins, wo die Sonne scheint, aber nicht so richtig, wo es bewölkt ist und regnet, aber nicht so richtig, wo der Wind geht, aber nicht kalt und nicht warm, wo man nicht Rasenmähen will und nicht baden, aber auch nicht vor dem Ofen sitzen und Tee trinken. A hoibfudigs Wetta ist schlimmer als ein Schneesturm, eine Hitzewelle oder Regen aus Kübeln.
Man weiß nicht, was es ist. Ich bin derzeit so. Ich fühle mich gesünder als vor ein paar Wochen, aber kränker als vor ein paar Jahren. Ich weiß nicht, ob es mir schlecht geht oder gut, ich hab vergessen, wie es sich anfühlt, wenn sich alles gut anfühlt. Und für die ewigen Pessimisten, diese Tage und Wochen gibt es in einem jeden normalen, durschnittlichen Leben. Man denkt nicht nach, ob es gut oder schlecht ist, man lässt es einfach plätschern. In mir plätschert nichts. Es blutet aber auch nichts mehr, wie es scheint. Die Nervenschmerzen sind erträglich geworden, der Kopf tut seit Monaten weh, ich kenne es nicht mehr anders, nicht mehr tragisch. Der Schlaf ist eingestellt, das Essen funktioniert, die Waage steht im Plus. Ich koche, mache den Abwasch, kaufe mir Schuhe, wasche das Auto und tanke die Vespa voll. Ich funktioniere wieder. Kommt da noch was nach?
War es das? Ist das mein neues normal Gefühl? Dieses hoibfudige Dings?
Hm.
Als ich glaubte, es gäbe mich nicht mehr,
habt ihr mir einen Spiegel vorgehalten.
Als ich nicht mehr wusste, wer ich bin,
habt ihr mir von mir erzählt.
Als ich glaubte, ich wäre am Ende des Buchs angekommen,
habt ihr mir neue Kapitel geschrieben.
Als ich meine eigenen Hände nicht mehr spüren konnte,
habt ihr mir die euren gereicht.
Ihr habt das Unverständliche verstanden und mich nicht aufgegeben.
Das Leben wird noch viele Winde auf uns loslassen.
Aber eins möchte ich euch heute sagen:
Ich werde eure Hilfe, euren Zuspruch, eure Liebe, eure Worte, euer Lachen, eure Berührungen – ich werde euch niemals vergessen.
Solange ich lebe.
Margit, Barbara, Marietta, Bernd, Christa, Andreas, Tanja, Philipp, Jonas, Biggi, Julia, Beatrice, Sophia, Irene, Anna, Roland, Brigitte, Astrid, Christoph N, Christian, Gunda, Michael, Lilly, Christian, Maya, Nici, Margrit, Josef, Filip, Christoph P, Branko, Christine, Luca, Mikko, Atte, Tomas, Wilfrid, Berta, Andrea, Veri, Martina, Magda, Tina, Doris, Sylvia, Kaoru, Oskar, Clemens, Janna, Ilse, Claudia, Hasi, Verena, Claudia, Susanne … Judith.
Ihr seid das Netz, das mich gefangen hat.
Es gibt Menschen, denen geht alles auf. Sie merken es nicht, weil es keine Gegensätzlichkeiten gib in ihren Leben. Was sie machen, machen sie gut, oder schlecht, aber am Ende sind sie damit zufrieden, legen sich am Abend unter ihre Daunentuchent und es fällt ihnen nicht auf, dass sie einschlafen. Sie schlafen einfach, es ist selbstverständlich. Sie wachen auf, nehmen nicht wahr, dass es ein Geschenk ist, vom Dunkeln tagtäglich ins Helle zu tauchen, neben jemadem, allein, egal, darum geht es nicht. Sie wachen auf. Selbstverständlich. Es ist alles an dem Platz, wo man es am Vortag verlassen hat, das Kind, das Auto, der Job, die Sonne, natürlich die Sonne, ein Fixstern. Der Appetit, der Magen, gähnt, man isst, es schmeckt. Es ist alles normal, nicht auffallend. Aber herrlich. Es ist 0815, aber wunderbar. Es ist, wie es bei so vielen ist, aber absolut besonders. Es ist.
Ich gehöre seit geraumer Zeit zu einer anderen Schicht. Eine darunter denk ich, eine Stufe eventuell, zwei wären schon zu viel. Abwärst dennoch. Nach unten trotzdem, weniger nah am Himmel, weiter weg vom Licht. Versenkung, nein, Grube, kleine ausgehobene, aber dennoch, gefühltes Tief. Dort verliert sich selbstverständlich die Selbstverständlichkeit. Die rutscht nicht nach, die bleibt oben hängen. Grinst ein bisschen runter, hängt einen Angelhaken herunter. Aber ohne Köder.
Hier läuft alles in anderen Bahnen, anderen Stunden, neuen Tage, neuen Namen. Hier ruht man auf Tabletten, nicht auf sich selbst, hier glaubt man Ärzten, nicht sich selbst. Hier ist schon gut, was nicht massiv schlecht ist. Hier tut alles weh und frisst sich ins Schmerzgedächtnis. Hier ist alles hart.
Selbstverständlich gibt es Leitern. Steigeisen. Seile und Lianen. Oh, Lianen, wie schön waren die damals, weißt du noch, diese trostspendenen Metaphern, die sich von Baum zu Baum legten? Man musste nur nach der nächsten greifen. Und nie ist niemand weit gefallen.
Bis ich an die letzte stieß.
Und jetzt? Weitermachen. Selbstverständlich.
Es ist nicht ganz so, als hätte ich meine Sprache verloren. Meine Sprache habe ich behalten, ich habe nur das Gefühl zu dem verloren, was dahiner steckt. Ich höre mich reden, sehe mich schreiben, aber fühlen? Da reißt immer noch und immer wieder der Verbindungsdraht. Ich kenn den medizinischen Hintergrund, furchteinflößende Wörter und Beschreibungen in Beipackzetteln, Erfahrungsberichte, Verstehversuche und Schilderungen von Betroffenen. Aber begreifen kann ich es einfach nicht. Zu vergessen, wer man eigentlich ist, sich fragen zu müssen, wer bin ich eigentlich, nicht im hochphilosophischen Sinne, nicht mit Platon, Kant und Co. im tête-á-tête, sondern grundsätzlich, angsterfüllt, orientierungslos, mit geschwächtem Sehnerv und sonstigem vegatativen Chaos, kommt für mich einer Verurteilung zu lebenslanger Haft ohne Aussicht auf Begnadigung gleich. Zu sensibel für sehr vieles, aber für alle ein beinharter Realist, gehe ich den Weg aus dieses Krankheit mit einer Kugel am Bein. Mein Tempo geht nicht das der Depression. Warum schämen sich Menschen, darüber zu sprechen? Warum wird das von allen Seiten totgeschwiegen, kann nur mit dem Mantel der Coolness und dem englischen Wort Burnout halbwegs seinen Weg in diese Welt finden?
Man stößt an seine Grenzen, es kommen Gefühle auf einen zu, von denen man keine Ahnung haben kann, die man nie erwarten würde, die einen an den Rand von allem drängen. Suizid? Trauer? Tränen? Steht alles nicht in meinem Arztbrief. Antriebslos? War ich keinen Tag. Diese Krankheit ist ein Trugbild, heimtückisch und grausam. Sie nagt an deinen Sinnen, brennt dich innerlich nieder, lässt dir bis zum Schluss so wenig Chance, stielt dir die Wahrnehmung deiner Welt, fesselt dich in ein unsichtbares Verlies, raubt dir alles, was bis zum Tag X selbstverständlich war. Schlaf, Ruhe, Hunger, Farben, Wärme, Kälte, Sicherheit, Bewusstsein, Arbeit, Freunde, Prinzipien, Wind und Wetter. Alles schrumpft schön langsam zusammen, wird von innen her aufgefressen, erlischt, und bleibt unter einem Berg Asche zurück. Aus dem musst du dich graben, mit Kompromissen, kompromisslos, Kontrollabgabe, Vertrauen in das völlig Unbekannte. Die verständnisvollen Blicke der Ärzte wirken unglaubwürdig, haben sie es doch immer nur gesehen, nie erfahren, kennen nur die medizinischen Begriffe, für das, was dir den Boden unter den Füßen entreißt.
Es führen Wege zurück ins Gewohnte, doch das Alte bekommt man nicht ersetzt. Zu tief sitzen da Momente, die unter der Haut sitzen bleiben und sich nicht mehr wegdenken lassen. Zu groß ist der Respekt vor dem, was dich überrascht hat und als eines der wenigen Dinge stärker war als du.
Das vegisst man nicht. Und das wird auch gut sein.
Mit 31 weiß ich plötzlich mehr über Neurotransmitter, Nervenbahnen, Synapsen und andere Hirnakrobaten als ein durchschnittlicher Mensch darüber wissen sollte. Jedem sein Serotonindividualismus. Meiner ist aus den Fugen geraten, es muss so sein, sonst würden ein paar Milligramm von dem und ein paar Milligramm von dem anderen nichts ausrichten können. Die riesengroße Skepsis gegenüber der Pharmaindustrie hat sich nach einem zu harten Kampf in eine stumme Danksagung verwandelt. Die Einstellung hat sich geändert.
Aus einem Stelldichein mit dem Ausnahmezustand wurde ein Stellmichein mit gutem Resultat: Mein Leben taucht wieder auf. Ich sehe Licht am Ende des Maulwurfwegs. Jetzt muss ich nur drauf zugehen.
Du hast gesagt, die Zeit ändere alles. Ich habe gesagt, die Zeit ändere gar nichts, die Zeit schaut nur zu, während du alles selbst veränderst. Die Zeit gäbe es gar nicht, es gibt nur dich und mich, und wir bauen die Zeit mit, malen sie an, färben sie um, lassen sie stehen und sind ihr voraus. Wir sind die Zeit.
Darauf hast du gar nichts mehr gesagt. Wie so oft.
Ich hab dich überfordert, mit all den Fragen, nach einem Sinn, mit der Bitte um Absolution, der Forderung nach einer Erlösung, von der ich mir erwartet hatte, sie würde es tun. Mich loslösen, mein Problem lösen, den Groll auflösen, dich ablösen und mich erlösen. Nichts von dem ist so geschehen, wie ich es mir vorgestellt habe. Viele Tage und Stunden. Ich bin in der Warteschlange fast verbrannt.
Und jetzt? Jetzt muss ich aus der Asche kriechen, in die ich mich selbst gestampft habe.
Mehr bleibt mir nicht übrig – die Zeit grinst mir zu: Ich warte nicht ewig auf dich.
Die Kraniche haben für mich eine ganz besondere Symbolik bekommen: Sie tragen mich auf ihren Flügeln weiter, dass ich nicht in meinem seltsamen Zustand stehen bleibe. Wie viele habe ich gefaltet? Wie viele hat Sadako damals gefaltet? Die Zahl spielt keine Rolle. Ein Kranich hält auf seinem Flug durch die Luft ein göttliches Gleichgewicht. Er ist ein Gleiter, Fleisch gewordene Balance. Er zeigt mir, wie ich mein verlorenes Gleichgewicht wiederfinde, macht es mir täglich stumm, auf seine papierene Art und Weise vor, wie ich segeln soll, wie ich meinen Kopf, mein Bewusstsein halten soll, um endlich wieder stabil meinem Flug folgen zu können. Trag mich weit, kleiner Tsuru.